Fermer
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Reptil des Jahres 2015: Die Europäische Sumpfschildkröte

Das Vorkommen der beiden Unterarten der Europäischen Sumpfschildkröte Emys orbicularis orbicularis und E. o. hellenica in der Schweiz wird seit langem kontrovers diskutiert. Während einige Fachleute den Standpunkt vertreten, dass diese Art in der Schweiz nie autochthon (einheimisch, natürlicherweise verbreitet) vorgekommen ist, gehört sie für andere selbstverständlich zur heimischen Herpetofauna und ist erst in historischer Zeit infolge des Verlusts an Lebensräumen und allenfalls der Bejagung an den Rand des Aussterbens gebracht worden.

Tatsächlich ist die Informations- und Indizienlage rund um das Vorkommen der Europäischen Sumpfschildkröte in der Schweiz verworren, und auch historische faunistische Quellen zeichnen diesbezüglich kein klares Bild. Erschwerend kommt hinzu, dass die Europäische Sumpfschildkröte möglicherweise bereits in prähistorischer Zeit, sicher aber im Mittelalter als Handelsware – sie galten als Fastenspeise – in die Schweiz eingeführt und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch freigesetzt wurde. Zusätzlich kompliziert wird eine Beurteilung der Situation heute auch durch die zwischen 1950 und 1980 an verschiedenen Orten durchgeführten offiziellen Ansiedlungs- oder Wiederansiedlungs-versuche mit Tieren ganz unterschiedlicher Herkünfte, vermutlich ergänzt durch zahlreiche private und willkürliche Freisetzungsaktionen, die sich der Kenntnis der Fachwelt und der Kontrolle durch die Gesetzgebung entziehen.

Auf den Roten Listen der gefährdeten Reptilien der Schweiz von 1982 beziehungsweise 1994 wird die Europäische Sumpfschildkröte als „ausgestorben“ taxiert, bis sich Ende der 1990er-Jahre Hinweise darauf verdichteten, dass möglicherweise noch autochthone Vorkommen an einigen Standorten in der Schweiz existieren. In der Roten Liste von 2005 wurde die Art folglich als „vom Aussterben bedroht“ („critically endangered“) eingestuft.
 
Seit der Publikation der letzten Roten Liste hat sich aufgrund zahlreicher genetischer und ökologischer Studien der Wissensstand zur Europäischen Sumpfschildkröte deutlich verbessert und lässt sich wie folgt zusammenfassen: Beobachtungen einzelner Schildkröten liegen aus den Tieflagen praktisch der ganzen Schweiz vor, gehen aber in aller Regel auf illegal ausgesetzte oder entwichene Tiere zurück. Eine rund 300 adulte Individuen umfassende und reproduzierende Population existiert aktuell nur in den Rhone-Auen im Kanton Genf auf einer Höhe von 350 m ü. NN. Dieser Bestand setzt sich allerdings aus ganz unterschiedlichen genetischen Linien zusammen, darunter auch Schildkröten mit dem potenziell autochthonen mitochondrialen Haplotyp IIa, und geht mindestens teilweise auf Aussetzungen auch südeuropäischer Schildkröten bereits in den 1960er-Jahren zurück. Regelmäßig wird die Art zudem am Neuenburgersee, am Genfersee und an verschiedenen kleineren Seen und Weiherkomplexen im Deutschschweizer Tiefland nachgewiesen. Auch hier haben genetische Studien gezeigt, dass es sich dabei sehr häufig um allochthone (nicht natürlicherweise vorkommende, sondern ausgesetzte oder eingeschleppte) genetische Linien handelt, vereinzelt aber auch die potenziell autochthone Linie vorhanden ist. Im Tessin, dessen Sumpfschildkröten zu E. o. hellenica gehören müssten, findet die Art praktisch nur noch im Mündungsbereich des Flusses Ticino in den Lago Maggiore ausreichend geeigneten Lebensraum und dürfte dort von den projektierten und bereits umgesetzten Renaturierungsmaßnahmen profitieren.

Die Europäische Sumpfschildkröte kann sich unter Schweizer Klimabedingungen nur in den tiefsten Landeslagen unterhalb 500 m ü. NN fortpflanzen. Entsprechende Feuchtgebiete und Gewässer ausreichender Ausdehnung findet sie noch vereinzelt entlang der großen Flüsse Rhone, Aare, Reuss und Rhein, im Dreieck des Bieler-, Murten- und Neuenburgersees sowie im Tessin. Der limitierende Faktor für die Etablierung einer reproduzierenden Population dürfte in vielen Fällen das Fehlen oder die eingeschränkte Erreichbarkeit geeigneter Eiablageplätze darstellen.
 
Die Europäische Sumpfschildkröte wird wie alle anderen Amphibien- und Reptilienarten auch durch das Schweizer Natur- und Heimatschutzgesetz von 1967 vollständig geschützt. Solange unklar ist, zu welcher genetischen Linie ein Tier gehört, gilt das für alle im Freiland angetroffenen Emys orbicularis. Bisher wurden in der Schweiz keine systematischen Maßnahmen ergriffen, um allochthone, genetisch unpassende Schildkröten aus der Natur zu entfernen. Je nach Standort werden aber zufälligerweise aufgefundene Sumpf-schildkröten solange in Gefangenschaft gehalten, bis eine DNA-Analyse Klarheit verschafft. Für allochthone Tiere wird dann ein definitiver Platz in Terrarienhaltung gesucht, während potenziell autochthone Schildkröten in eines der drei laufenden Wiederansiedlungsprojekte integriert werden (siehe unten).
 
Im Gegensatz zu anderen Reptilienarten erfreut sich die Europäische Sumpfschildkröte in der Bevölkerung einer gewissen Popularität und stößt bei einem weiten Kreis von Schildkrötenhaltern auf großes Interesse. Entsprechend vielfältig und zahlreich waren und sind denn auch die Bestrebungen, diese attraktive Schildkröte in verschiedenen Gewässer-komplexen anzusiedeln oder wiederanzusiedeln.
Grundsätzlich begrüßt die karch diese Bemühungen, setzt sich aber vehement dafür ein:
  • dass diese Aktivitäten nicht ziellos und unkoordiniert erfolgen,
  • dass die Naturschutzgesetzgebung und die Bewilligungspflicht der Kantone und des Bundes einschließlich der Richtlinien für eine Wiederansiedlung ausgestorbener Arten vollumfänglich respektiert werden
  • und dass eine fundierte Erfolgskontrolle langfristig zeigt, ob sich die Europäische Sumpfschildkröte im Wiederansiedlungsgebiet selbstständig über mehrere Generationen vermehren kann. Aktuell laufen in der Schweiz drei Pilotprojekte zur Wiederansiedlung der Art, zwei davon in der Westschweiz, eines im Tessin. Erst die Ergebnisse der Erfolgskontrollen dieser drei Projekte werden zeigen, ob weitere Wiederansiedlungen getätigt werden sollten und wie die Zukunft der Europäischen Sumpfschildkröte in der Schweiz aussehen könnte.

 

 

 


Die DGHT hat unter Mitarbeit der karch und weiteren Partnern umfangreiche Informationen (Poster, Leitfaden, Flyer) zum Reptil des Jahres 2015 verfasst, welche auf der Website der DGHT zur Verfügung stehen.